“Andere Länder andere Sitten” – Aspekt zum Totensonntag

0
274

Andere Länder andere Sitten“  –  ein spezieller Aspekt zum Totensonntag

 

Im Folgenden ein Aspekt zum Totensonntag, unter dem Gesichtspunkt „Andere Länder, andere Sitten“. Es ist aber auch ein Einblick in eine andere Welt, ein Einblick der Auskunft darüber gibt, was „Vertreibung und Umsiedlung im Zusammenhang mit einem Nuklear-Unfall“ und den hinterblieben Toten, mit sich bringt. Und was bedeutet es für die Hinterbliebenen, wenn man nur einmal im Jahr, nämlich am Totensonntag, ins Sperrgebiet darf um an die verstorbenen Angehörigen zu gedenken. Was denken diese Menschen über den Totensonntag und der letzten Ruhestätte. Viele der Umsiedler wollen trotz Sperrgebiet in ihrer Heimat beerdigt werden.

 

Anna Fitseva war im April im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Europäische Aktionswochen für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“  (EuAW) in unserer Region, um zusammen mit anderen in der Trinitatiskirche in Wolfenbüttel ihre „Tschernobyl-Erinnerungen“ vorzutragen. Die Dokumentation dieser Europäischen Aktionswochen findet man im Internet unter: https://zukunftdanach.wordpress.com/2018/10/21/euaw-2019-region-braunschweig/. (Hier findet man auch die Dokumentation des gesamten Besuches von Anna Fitseva und Ursula Gelis, die auch die Atommüll-Standorte Schacht Konrad und Morsleben besuchten.)

 

Anna Fitseva kam mit der Dolmetscherin Svetlana Margolina und sie traf auf Ursula Gelis, eine deutsche Journalistin aus Norwegen. Ursula Gelis interessierte sich sehr für das Schicksal von Anna Fitseva. Sie schickte im Nachhinein einige Zeilen über ein Gespräch mit Anna Fitseva unter der Überschrift: Treffpunkt Friedhof. Von Paul Koch leicht überarbeitete Auszüge aus diesem Bericht von Ursula Gelis:

***

Die beiden Belarussinnen Anna Fitseva und Svetlana Margolina trafen sich vor einiger Zeit mit Ursula Gelis, einer in Norwegen lebenden deutschen Journalistin. Es war der Vorabend zu einer Autorenlesung in Wolfenbüttel, zu der weitere Autor*Innen des Buches «Tschernobyl-Erinnerungen» dazustoßen würden. Dieser Abend im Predigerseminar der Landeskirche gehörte Ihnen – außer Ihnen war keiner im Quartier. Zunächst ging es darum sich näher kennen zu lernen, denn bisher kannten sie sich nur aus Blog und Buch «Tschernobyl-Erinnerungen». Jeder hatte hier seine eigenen Erlebnisse und Sichtweisen zu dem ersten Super-Gau im ukrainischen Tschernobyl zu Papier gebracht. Schnell waren es gerade diese «Tschernobyl-Erinnerungen» die sie in ein intensives Gespräch führte.

Ursula Gelis wollte vor allem von den beiden Belarussinnen wissen, wie das damals alles war und wie es ihnen heute geht. Während Svetlana in Minsk lebend die Katastrophe eher am Rande miterlebte, war Anna mitten drin, nahe dem dann zur Sperrzone erklärten Gebiet. Anna, als Physiklehrerin, verstand schnell was da in Tschernobyl passierte und welche Folgen es haben kann / haben wird. Auch für Svetlana änderte sich ihr Leben nach dieser Katastrophe grundlegend. (Nachzulesen in https://tschernobylerinnerungen.wordpress.com/).

1990 entschlossen Anna und ihre Familie, das betroffene Gebiet zu verlassen. Sie wurden an die polnische Grenze, in die Brester Region, umgesiedelt. Nun kamen ganz neue Probleme auf Anna und ihre Familie zu. Als «Tschernobyl-Umsiedler» wurden sie unfreundlich empfangen und hatten einen schweren Stand in der Fremde. Zur «neuen Heimat» wurde der neue Lebensbereich auch nach so vielen Jahren nicht. Für Anna ist das Zuhause dort, wo der Boden verseucht ist.

Auch wenn in Belarus vieles zum Alltag wurde, in die alte Heimat darf Anna, wie alle ihre Leidensgenoss*Innen, nur einmal im Jahr, am Toten- bzw. Ewigkeitssonntag. Die Ewigkeit bekommt eine neue Bedeutung, wenn man sich so manche Halbwertzeiten von freigesetzten Isotopen vor Augen führt.

Das Ziel, der Treffpunkt am Totensonntag ist dann der Friedhof, ein Friedhof auf verstrahltem Grund. Für Anna ist die Gräberpflege Teil ihres Lebens und ihres traditionellen Selbstverständnisses. Hier liegt jetzt auch ihre Mutter neben dem Vater begraben. Anna betont: ”Wir alle wollen dort beerdigt werden; ich auch. Dort gehöre ich hin” und fügt hinzu: “Wenn man in der Fremde stirbt, kümmert sich niemand um das Grab.”

Für Anna brachte der Tschernobyler Reaktor Tod und Vertreibung. Dörfer und Seelen wurden begraben. Weitergelebt wurde in der Fremde. Am neuen Wohnort, 600 Kilometer entfernt vom verstrahlten Zuhause, wird geatmet, aber das Sehnen nach den Wiesen und Wäldern der Kindheit bleibt.

Die Reaktorkatastrophe hat Anna vieles genommen, sie in eine andere Richtung getrieben. Trotzdem konnte sie sich die Erinnerung an vergangenes Schöne bewahren. Ihre Kindheitserlebnisse in unbeschadeter Natur und die gedankliche Nähe zu erlebten glücklichen Tagen machen es ihr möglich, sich und anderen eine gute Helferin zu sein.

Quelle: Paul Koch / Sozialdiakon i.R.

Werbung

Werbung

Werbung